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Endlich aufgewacht: Am Sonnabend traf sich die britische Popszene bei einem Antikriegs-Festival

Robert Rotifer

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Kann sein, dass Noel Gallagher vor seinem Berliner Auftritt am letzten Mittwoch Anti-Kriegsproteste noch als "verdammte Zeitverschwendung" bezeichnete. Aber mit dieser Meinung steht der Oasis-Sänger in der britischen Popszene inzwischen so alleine da wie Premierminister Tony Blair letzte Woche bei seiner Diskussion mit jugendlichen MTV-Zuschauern. Die meisten britischen Popschaffenden haben endlich begonnen, ihre politische Apathie zu überwinden.

Bereits letzten Herbst exponierten sich Massive-Attack-Sänger 3D und Blur-Frontmann Damon Albarn, indem sie im New Musical Express Inserate mit dem Wortlaut "Wrong War" schalteten; damit riefen sie zur Unterzeichnung einer Petition der britischen Stop-The-War-Coalition auf. Die Redaktion ließ die Stars wissen, dass dieses müde Thema der Zielgruppe eher gleichgültig sei, doch ein erstaunliches Echo von 20 000 Unterschriften für die Petition belegte, dass man das politische Interesse der Leserschaft schwer unterschätzt hatte.

Dennoch fanden es Albarn und 3D überraschend schwer, in der britischen Szene Verbündete zu finden. Schließlich war gerade noch George Michael wegen seines "Shoot The Dog"-Videos, in dem Tony Blair als Pudel des amerikanischen Präsidenten dargestellt wird, vom britischen Boulevard regelrecht in der Luft zerfetzt worden. Ganz zu schweigen davon, was ein friedliebendes Outing für die Karriere britischer Acts auf dem amerikanischen Markt bedeuten könnte.

Fragt man Damon Albarn, enthält er sich freilich des kritischen Urteils über seine zurückhaltenderen Kumpels. Er gibt vielmehr den prätentiösen Weltrettungs-Posen aus dem "Live Aid"-Zeitalter der Achtziger die Schuld für die selbst verordnete politische Inartikuliertheit, von der sich der britische Pop nur langsam erholt: "Mein Gefühl sagt mir, dass diese Generation damals die Integrität der Musiker als Vertreter politischer Anliegen zerstörte. All diese Rockstars spielten ihre Songs runter und überließen Bob Geldof das Reden." Anders als damals Geldof, hütet sich Albarn davor, seine Kollegen unter moralischen Druck zu setzen: "3D und ich haben keine Rundrufe veranstaltet. Ich verlange von meinen berühmten Freunden nicht, dass sie uns bei unserer Kampagne helfen. Wenn sie mitmachen wollen, umso besser, aber ich werde niemanden dazu drängen. Das wäre doch das Gegenteil davon, worauf wir hinaus wollen. Uns geht es ja gerade darum, dass jeder selbst darüber nachdenkt, ob er damit zufrieden ist, wie sein Land regiert wird und wie sich die Verhältnisse auf der Welt entwickeln."

Im Gegensatz zum Protest-Boom der Sechziger ist es diesmal also nicht der Pop gewesen, der die Massen zu Friedensparolen inspirierte; die Massen zogen den Pop vielmehr hinter sich her. Mit dem Herannahen der großen Londoner Friedensdemonstration vom 15. Februar als unübersehbarer, öffentlicher Manifestation einer wachsenden Anti-Kriegs-Stimmung im Land fanden auch immer mehr Popstars den Mut zur Stellungnahme. Auf einer Benefiz-Doppel-CD namens "Peace Not War" war neben den üblichen Verdächtigen (Asian Dub Foundation, Billy Bragg, Chumbawamba) etwa auch ein Track von Ms Dynamite zu hören, immerhin einer der größten britischen Export-Hoffnungen, die zudem auf der Abschlusskundgebung des Friedensmarschs für die Demonstranten rappte.

Ein sonst apolitischer Songwriter wie David Gray äußerte sein tief empfundenes Grauen davor, wie die USA und Großbritannien den Irak "zu Staub verwandeln" würden. Und die stilbewusste Alison Goldfrapp ging in einem T-Shirt mit wieder modisch gewordenem Friedenssymbol auf die Bühne. Es konnte nicht lange dauern, ehe zynische Stimmen wie das Londoner Artrocker-Fanzine darauf hinwiesen, dass 3D und Damon Albarn als Anführer der "Pop for Peace"-Brigade zufällig gerade neue Alben zu bewerben hatten.

Brian Molko von Placebo (ebenfalls mit einer neuen Platte im Gepäck) distanziert sich von solchen Unterstellungen, räumt aber ein: "Es ist immer sehr gefährlich, wenn Musiker sich zu Politik äußern. Wieso sollte ihre Meinung klüger oder wichtiger sein als die von irgendjemand anderem? Wir mussten ja erst kürzlich diesen Typen von Korn erleiden, der meinte, Hitler wäre in den Himmel gekommen. So eine Meinung sollte wirklich nicht verbreitet werden, bloß weil Bands Zugang zu den Medien haben. Aber in diesem Fall, wenn es um den Krieg geht, weiß ich, wo ich stehe."

Im Unterschied zu 2001, als Ex-Spice Girl Geri Halliwell und die Kommerzpopband Steps bei einer Truppenübung in der Wüste von Oman "live" für die Truppen sangen, hat sich bis jetzt noch kein Popstar gefunden, der den in Kuwait auf den Angriffsbefehl wartenden Soldaten Mut zusingen wollte.

Doch auch wenn die Zahl der Kriegsgegner wächst: Der Schritt vom Zitat zur Tat ist für viele offenbar immer noch allzu groß. Das musste jedenfalls Emily Eavis erfahren, als sie nach Mistreitern für ihr Antikriegs-Benefizkonzert "One Big No" suchte. Nachdem Eavis zunächst optimistisch große Hallen wie den Millennium Dome oder die Wembley Arena für die Veranstaltung vorgesehen hatte, musste die Show mangels großer Namen ins verhältnismäßig kleine Shepherd's Bush Empire verlegt werden: "Die Bands sprechen sich generell gegen den Krieg aus, aber sie für einen Auftritt zu gewinnen, ist eine ganz andere Sache", meinte die Veranstalterin: "Sie wollen in Amerika ihren Fuß in der Tür behalten. Wir hatten wirklich Mühe, bereitwillige Acts aufzutreiben."

Am Sonnabend ist "One Big No" nun doch noch erfolgreich über die Bühne gegangen. Nachdem anfangs nur die ältere Garde ihre Teilnahme zusagte - Paul Weller, Faithless, Ian McCulloch von Echo & The Bunnymen sowie Ex-Lemonhead Evan Dando in der Rolle des amerikanischen Verbündeten -, trudelten kurz vor dem Termin plötzlich diverse Zusagen von jüngeren Musikern ein: von der Songwriterin Beth Orton, vom Travis-Sänger Fran Healey und Ronan Keating von der Boygroup Boyzone. Coldplay-Sänger Chris Martin überraschte mit einer spontanen Darbietung von Lou Reeds "Walk On The Wild Side". Als solidarischen Gruß des "anderen" Amerika zeigte Michael Moore sein neues Video für die NuMetaller System Of A Down, gedreht auf dem von den US-Medien totgeschwiegenen Friedensmarsch von Los Angeles. Chris Cornell, Sänger von Audioslave, schickte ein Filmchen von seiner Interpretation der Brinsley-Schwarz-Nummer "What's So Funny 'Bout Peace Love And Understanding". Sogar Yoko Ono und Elton John grüßten per Video. Der Erlös der "One Big No"-Nacht kam der CND (Campaign For Nuclear Disarmament) und der Stop-The-War-Coalition zugute.

Derselben aktivistischen Achse dient auch ein Abend, den MoWax-Gründer James Lavelle für kommenden Donnerstag im Londoner Super-Club Fabric angesetzt hat. Sein eigenes Projekt U.N.K.L.E. soll dabei gemeinsam mit dem nicht unbedingt für politische Korrektheit bekannten Ex-Stone-Roses-Sänger Ian Brown auftreten. Bis dahin könnte es für Friedensappelle schon zu spät geworden sein. Aber so ist es eben mit den britischen Popstars des 21. Jahrhunderts: Bis sie ihren Hintern vom Sofa erheben, haben Bush und Blair schon die ganze Uno umschifft.

  

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